Artikelreihe „Das richtige Maß“ II – Sportsucht vs. Powercouching

Google+ Pinterest LinkedIn Tumblr +

Wenn man die Worte „rechtes Maß“ googelt, poppen fast ausschließlich religiöse oder philosophische Texte auf. Als ob das Thema nur weltfremde Buddhisten und katholische Mönche etwas angeht. Ich bin der Meinung, dass das nicht der Fall ist! Auch wir Sportler und Fitnessfreaks scheitern manchmal an der Aufgabe, zwischen den Extremen das richtige Mittelmaß zu treffen. Während wir oft darum kämpfen müssen, unsern Hintern überhaupt hochzubekommen (Stichwort Powercouching), fallen wir manchmal auch auf der anderen Seite vom Pferd (Stichwort Sportsucht). Denn im Sport geht es ja naturgemäß um Leistungssteigerung und ständige Selbstverbesserung bis hin zur Perfektion. Dass sowohl Nichtstun als auch übertriebene Ambitionen mitunter gravierende Folgen – für Körper und Psyche – haben können, davon handelt dieser Artikel.

Der folgende Beitrag gehört zu der Reihe über das „richtige Maß“. Anders als beim ersten Teil, in dem es um das Gleichgewicht zwischen Routine und Abwechslung ging, möchte ich hier ein genuin sportliches Thema ansprechen, nämlich die beiden extremen Pole Sportsucht und Nichtstun, neudeutsch „Powercouching“. In dritten Beitrag „Orthorexie vs. Junkfood“ geht es dann um die Rolle der Ernährung.

Von nichts kommt nichts!

Wir Sportler tendieren beinahe natürlicherweise dazu, uns – bis zu einem gewissen Maß – zu quälen. Wir ziehen, wenn es sein muss, manchmal 2 Trainingseinheiten am Tag durch, pushen uns auch dann, wenn uns alles weh tut und wir eigentlich viel lieber auf der Couch sitzen würden oder streben am liebsten gleich nach dem Laufeinstieg den Marathon an. Solche Ambitionen sind an sich nicht unbedingt verkehrt. Denn schließlich kann man seine Grenzen nur überwinden, wenn man an ihnen rüttelt und sie austestet. Es ist auch absolut nichts gegen harte Arbeit einzuwenden. Im Gegenteil! Wer andauernd Ausreden gelten lässt, anstatt sein Training durchzuziehen, wird sicher nicht viel erreichen. Von nichts kommt bekanntlich nichts.

Was schadet?

Wie bei so vielen Dingen gilt aber auch im Sport: Viel hilft NICHT unbedingt viel! Trotz der genannten positiven Aspekte eines disziplinierten Trainings solltest du nicht vergessen, dass dein Körper und deine Gesundheit ein hohes Gut sind, das es nirgends zu kaufen gibt! SIE zu riskieren ist nicht nur fahrlässig, sondern – Entschuldigung, dass ich das so drastisch ausdrücke – dumm.

[su_frame]ABER es ist ohne Frage auch gefährlich, bloß die Beine hochzulegen und es sich gut gehen zu lassen (inklusive Chips und Coca-Cola-Flatrate versteht sich). Schon das übliche Po-Platt-Sitzen im Büro wird als gesundheitsgefährdend angesehen, sofern es nicht durch tägliche Bewegung ausgeglichen wird. (Und alle, die eine Karriere im Powercouching hinter sich haben, können wohl ein Lied davon singen, wie schwer es ist, vom Sofa aufzustehen.) Wer sich die gesundheitlichen Risiken von fehlender Bewegung vor Augen halten möchte, dem sei gesagt: von harmlosen Symptomen wie Verdauungsbeschwerden und Bluthochdruck über Herz-Kreislaufbeschwerden, Adipositas, Diabetis und eine geringere Lebenserwartung bis hin zum Schlaganfall ist alles dabei. Dass das nicht auf jede einzelne Person zutrifft, versteht sich. Ausnahmen bestätigen die Regel![/su_frame]

Ein Spiel mit dem Feuer ist es aber auch, das Gegenteil davon zu tun und ins andere Extrem zu verfallen. Vielleicht ist das den meisten nicht bewusst, wenn sie nach einem anstrengenden Wettkampf viel zu früh wieder ins Training einsteigen. Oder wenn sie nach einem Vierteljahr Training direkt eine Langdistanz im Triathlon absolvieren wollen. Auch, wenn dein Körper nicht sofort futsch ist, wenn du dich unaufhörlich über das Limit pushst, kann falscher Ehrgeiz mehr Schaden anrichten, als es dir letztlich wert ist. Sprich, es kann deinen Trainingsfortschritt blockieren oder langwierige Verletzungen verursachen, um von Übertraining und dessen Folgen ganz zu schweigen. (Mehr dazu in unserem Artikel zum Thema Sportpause) Womit wir beim anderen Extrem wären!

Was ist eigentlich Sportsucht?

Sportsucht definiert sich als „suchtartiges Verlangen nach sportlicher Betätigung und Fitness„. Es ist zwar nicht als eigenständige Krankheit anerkannt; mindestens von einer psychischen Störung wird aber ausgegangen. Betroffen sind etwa 1% der Bevölkerung, darunter vor allem solche Fitnessfreaks, bei denen ein starker Leistungsdruck oder ein hohes Schönheitsideal bestehen, also besonders Triathleten und Bodybuilder. Das klingt nicht viel, ist aber dennoch ein ernstzunehmendes Problem in einer Gesellschaft, in der sich Hobbysportler immer mehr über ihre körperliche Leistungsfähigkeit definieren. (Siehe Instagram und diverse Facebook-Communities!)

Doch wie kommt dieses exzessive Trainingsverhalten zustande? Die Ursachen sind vielfältig und nicht bis ins letzte Detail geklärt. Unter der Voraussetzung, dass der Gebrauch synthetischer Drogen ausgeschlossen ist, spielen neben hormonellen vor allem psychische Aspekte eine Rolle.
Zuerst glaubte man, dass die Sportsucht durch
körpereigene Glückshormone, die Endorphine befördert würde. Da aber Entspannungsübungen zum gleichen Effekt führen, ist man inzwischen von dieser Erklärung abgekommen. Auch der Botenstoff Dopamin trägt nur zum Teil zur Sportsucht bei. Stattdessen sehen Wissenschaftler heute einen Zusammenhang zwischen Realitätsflucht und Sportsucht. Der Sport wirke wie eine Droge, weil er helfe, sich von Alltagsproblemen abzulenken. In Kombination mit einer Essstörung, der sogenannten „Anorexia athletica“, sei dieser Verdrängungsmechanismus besonders gefährlich. Vor allem ängstliche Menschen tendierten zu einem solchen Verhalten, weil sie durch sportliche Leistungen und die absolute Kontrolle über ihren Körper ihr Selbstbewusstsein heben könnten.

Sportsucht

Wie diagnostiziert man Sportsucht?

Wenn du dich jetzt fragst, ob du selbst eventuell sportsüchtig bist, kann ich dich beruhigen. In der Regel ist schon die Tatsache, dass du darüber nachdenkst, ein Zeichen, dass du höchstwahrscheinlich nicht betroffen bist. Denn Menschen mit Suchtverhalten (egal welcher Art) gestehen sich diesen Hang selten ein. Daher ist es umso wichtiger, dass Menschen aus dem Umfeld eventuell krankhafte Verhaltensweisen registrieren und handelnd eingreifen.

Als typische Symptome einer Sportsucht werden folgende Punkte angesehen:
  • innerer Zwang, immer wieder Sport treiben zu müssen (Sport wird als zentraler Lebensinhalt empfunden)
  • Training über die körperliche Belastungsgrenze hinaus, kontinuierliche Steigerung der Belastung
  • keine Rücksichtnahme auf Sportverletzungen, Schmerzen oder Überlastungserscheinungen
  • bei erzwungenem Verzicht auf Sport psychische Symptome wie Schuldgefühle, Depressionen, Aggressionen und Gereiztheit
  • bei erzwungenem Verzicht auf Sport körperliche Entzugserscheinungen wie Nervosität, Kopf- und Magenschmerzen
  • Aufgabe sozialer Kontakte für den Sport
  • häufig begleitendes Krankheitsbild: Essstörungen (anorexia athletica)
Besonders gravierend, da gesundheitsschädigend sind die langfristigen Folgen der Sportsucht.
Dazu zählen:
  • Schwächung des Immunsystems und Anfälligkeit für Infekte durch ständige physische Überforderung
  • hohes Verletzungsrisiko für Knochen, Muskeln, Bänder, Sehnen
  • in Kombination mit Essstörungen/Mangelernährung auch Hormonstörungen
  • Konzentrationsstörungen

Was heißt das jetzt?

Sport(-Sucht) ist keine Lösung

Um Sportsucht zu behandeln, sind psychotherapeutische Maßnahmen notwendig. Denn die Sportsucht wirkt sich negativ auf das gesamte Leben der Betroffenen aus, und zwar nicht nur auf das körperliche und seelische Wohlbefinden, sondern auch auf die sozialen Kontakte und die Arbeitsfähigkeit. Somit erreicht derjenige, der unter Sportsucht leidet, langfristig genau den gegenteiligen Effekt dessen, was er erstrebt hat.

Sport ist also leider nicht immer die Lösung aller Probleme. Zumindest nicht die einzige. Natürlich leiden nur wenige Fitnessfreaks unter dieser Krankheit. Das ändert aber nichts an der Tatsache, DASS sie leiden und das es wichtig ist, über das Phänomen aufzuklären, die Konsequenzen anzusprechen und davor zu warnen.

Kein Sport ist auch keine Lösung

Also doch lieber auf dem Sofa sitzen bleiben und zur Entspannung ein Bierchen trinken und eine rauchen, um nichts zu riskieren? Die Frage kannst du dir selbst beantworten! Ich denke aber, es ist klar, dass Nichtstun – besonders in Kombination mit Alkohol, Nikotin und/oder Fast Food – nicht nur zu nichts führt, sondern auch viele negative Konsequenzen haben kann. Vielleicht fühlt es sich überhaupt nicht so an. Und vielleicht wollen es sich die Betroffenen auch nicht eingestehen. (Ich will damit nicht sagen, dass es eine Krankheit wäre, sich nicht zu bewegen.) Aber die gesundheitlichen Risiken sind wissenschaftlich erwiesen.

Und da hiervon deutlich mehr Menschen betroffen sind, als von der Sportsucht, ist es umso wichtiger, auch das anzusprechen. Dass ich in diesem Kontext eher auf das Gegenteil eingegangen bin, ist einfach dem Umstand geschuldet, dass der Artikel auf einer Seite über Triathlon veröffentlicht wird – und die lesen möglicherweise einfach mehr Sportler als Couchpotatoes…

Ein gesundes Maß finden

Wie immer, wenn es um gesundheitliche Schäden durch unachtsames Verhalten geht, gilt hier: Wehret den Anfängen! Wer grundsätzlich auf seinen Körper achtet, ihn pflegt und auf seine Bedürfnisse Rücksicht nimmt, kann krankhaften Entwicklungen vorbeugen.

Wenn du also konsequent im Training bist, tu dir den Gefallen und sei genauso konsequent bei der Regeneration! Du fragst vielleicht: Wo genau liegt jetzt die Grenze? Was ist im Bereich des Möglichen und ab wann wird es kontraproduktiv?
Naja, so pauschal lässt sich das nicht beantworten, da jeder Mensch ein Individuum ist. (Was der eine locker mit links hinbekommt, stellt für den anderen vielleicht eine totale Überforderung dar). Aber es gibt z.B. ein paar Richtlinien, was Ruhezeiten nach bestimmten Wettkämpfen wie einem Marathon oder Triathlon angeht. Oder auch Hinweise, wie viel Zeit man braucht, um sich auf einen entsprechenden Wettkampf vorzubereiten. Auch wenn du körperlich vielleicht schnell in der Lage bist, 42 km am Stück zu laufen, bzw. einen Marathon zu finishen, müssen deine Knie, Sehnen, Schienbeine nicht unbedingt damit einverstanden sein! Und das wäre auf die Dauer nicht nur schade, sondern das Aus!

Also lass dir Zeit, wenn du noch länger Spaß am Laufen, Triathlon, Kraftsport und dergleichen haben willst! Hol dir Ratschläge von erfahrenen Sportlern und verlässlichen Quellen, und nicht nur einfach einen beliebigen „Marathon-unter-3-Stunden-Trainingsplan“ aus dem Netz. Und ansonsten rate ich dir: höre auf deinen Körper und achte auf Signale, die er dir gibt. Spätestens, wenn du Schmerzen bekommst, sind eine Pause und professionelle Hilfe (durch einen Arzt oder Psychotherapeuten) angesagt!

 

 

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Opt In Image
Tri it Fit Newsletter
Melde dich hier für unseren Newsletter an und erhalte unser gratis Slingtrainer E-Book direkt mit dazu.
Share.

Über den Autor

Früher hab ich immer gedacht „Sport ist Mord“, wenn in der Schule Ausdauerlauf oder – noch viel schlimmer – das „Sportfest“ angesagt war. Obwohl ich von mir nicht behaupten kann, per se unsportlich zu sein, habe ich dieses Potential selten genutzt. Inzwischen quäle ich mich freiwillig jedes Mal aufs Neue zum Training. Da ich inzwischen beruflich Halbwüchsige domptiere, schadet es ohnehin nicht, sich fit zu halten...

  • Hi Lotta,

    mein Motto im Wettkampfsport lautete „stay hungry“ für mich ein Lebensmotto, denn wer zufrieden ist, macht keine Fortschritte mehr, daher die eiserne Devise, jeden Tag wieder etwas stärker und besser als gestern zu sein. Das Geheimnis liegt hierbei wie bei allem, im richtigen Verhältnis aller Parameter zueinander.

    Toller Artikel, nach wie vor.
    Ich lese weiter 🙂 Hoffe du kommt auch mal bei mir schmökern 🙂

    Grüße Poli

    • Lotta

      Keine Sorge, Poli, ich hab dich auf dem Schirm! 😉
      Und klar, es ist eine große Aufgabe, sich stetig weiter zu entwickeln, aber sich trotzdem nicht zu überfordern.
      Bleib dran! 😉
      Beste Grüße,
      Lotta

  • Ein großartiger Artikel. Ich bin seit nunmehr fast 24 Jahren dem Kraftsport und Bodybuilding treu, 10 Jahre davon war ich aktiver Wettkampfbodybuilder auf erst nationaler, später internationaler Ebene. Ich kenne die Anzeichen alle sehr gut, denn ich verlor damals ein wenig den Blick für die Realität, egal was andere sagten, ich empfand meinen Körper zu „dünn“ trotz damals teils um die 90 Kilo Wettkampfgewicht bei 1,70 Körpergröße 🙂 Auch Trainings habe ich in den 10 Jahren nur ein einziges ausfallen lassen, weil ich eine Grippe hatte. Innerhalb von 10 Jahren war ich also sehr, sehr fit, habe meinem Körper aber auch extrem viel abverlangt. Naja, lange Rede…toller Beitrag zu einem Thema, was es anzusprechen lohnt, auch wenn ich ganz persönlich das andere Extrem noch wesentlich wichtiger finde, denn wie du schreibst, wir haben nur den einen Körper.

    Grüße Poli

    • Lotta

      Hi Poli,
      vielen Dank für die Blumen! 😉 Deine Erfahrung zeigt, dass das Problem im Kopf entsteht. Es ist nun leider eine Sucht wie jede andere.
      Dass ich hier weniger auf die Couchpotatoes eingegangen bin, liegt zum Teil auch daran, dass ich mich damit nicht ganz so gut auskenne. Aber ich glaube generell schon, dass viele mit ihrem Körper unzufrieden sind und eigentlich etwas tun wollen. Wenn sie dann einmal Feuer gefangen haben, übertreiben sie es schnell und gehen über ihr Limit, was den Körper nachhaltig schädigt. Für solche Leser war der Artikel vor allem bestimmt! 😉
      Beste Grüße,
      Lotta